Kuckucksuhr - Die Geschichte

    Kuckucksuhren: Eine Geschichte mit Pfiff

     

    Die Idee nimmt Gestalt an.

    Man muss sich das einmal vorstellen: In Deutschland tobt der 30jährige Krieg, überall herrschen Mord und Totschlag, Krankheit und Hunger, da setzt sich irgendwo im Schwarzwald ein Holzschnitzer hin, bastelt einen Holzkorpus und versieht ihn mit einem Zifferblatt, Zeigern und einem hölzernen Uhrwerk – er erfindet die erste Schwarzwalduhr. Sicher ist er sich gar nicht bewusst, dass er in diesen harten Zeiten die Grundlage zu etwas Großem gelegt hat, der weltberühmten Kuckucksuhr.
    Aber der Reihe nach. Unserem Holzschnitzer stand kein Geschichtsschreiber zur Seite, deshalb ist das genaue Jahr seiner Erfindung nicht überliefert. Gewiss aber geschah es im frühen 17. Jahrhundert, und ebenso gewiss ist, dass die Uhrenindustrie schon im 18. Jahrhundert ein wichtiger Erwerbszweig für die Menschen der Region sein sollte. Zunächst stand jedoch nicht die Fertigung von Kuckucksuhren im Mittelpunkt, auch wenn bereits im Jahr 1629 von einer solchen am Hofe des Kurfürsten August von Sachsen berichtet wurde.

    Im Wald wächst Erfolg.

    Die ersten Schwarzwälder Uhren verdankten ihre Existenz ihrer Herkunft aus den schier endlosen Wäldern Südwestdeutschlands. Die Menschen hier waren sehr geübt darin, Holz zu schlagen und zu verarbeiten. So fiel die Idee unseres Holzschnitzers auf fruchtbaren Boden, überall im Schwarzwald entstanden kleine, familiäre Fertigungsstätten, und deren Produkte aus heimischem Ahorn- oder Lindenholz konnten sich schon bald auch außerhalb des Schwarzwaldes durchsetzen. Denn sie hatte den unschätzbaren Vorteil, auf die Verwendung von damals sehr teurem Metall zu verzichten: Die frühen Schwarzwälder Uhren mit ihrem hölzernen 12-Stunden-Werk machten es auch dem Durchschnittsbürger möglich, sich einen Zeitmesser in die gute Stube zu hängen.

    Frühe Ingenieurskunst.

    Arbeitszeit war billiger als Metall, das sollte sich jedoch bald ändern. Im 18. Jahrhundert zogen Eisen und andere Metalle in die Mechaniken der Schwarzwalduhren ein, damit wurden deutlich länger laufende Werke und auch Komplikationen möglich. Im 19. Jahrhundert begann auch im Schwarzwald die Industrialisierung. Maschinen übernahmen Tätigkeiten, die vorher ganze Familien viele Stunden beschäftigt hatten, die Produktionszahlen vervielfachten sich. Das war auch bitter nötig, denn auch die Nachfrage stieg enorm. Längst waren Schwarzwalduhren zum Exportschlager geworden, selbst in Moskau und im fernen Konstantinopel waren sie eine begehrte Zier vornehmer Häuser.
    Am verbreitetsten waren zunächst Modelle mit einem bemalten und lackierten Schild, das zu ihrem Namensgeber wurde: die Lackschilduhren. Erstmals taucht bei diesen Uhren eine kleine Klappe auf, die sich zur vollen Stunde öffnet und einen Kuckuck erscheinen lässt, der melodisch verkündet, was die Stunde geschlagen hat. Es sind die ersten serienmäßig gefertigten Kuckucksuhren, die man jedoch noch nicht so nennt.
    Trotz des Einsatzes von Maschinen blieben wesentliche Merkmale vor allem des äußeren Erscheinungsbildes der Schwarzwalduhren eine Aufgabe versierter Handarbeiter – das hat sich zumindest bei den besseren Modellen bis heute nicht geändert.

    Rasantes Wachstum.

    Anfang des 19. Jahrhunderts kam die Uhrenproduktion im Schwarzwald richtig in Fahrt, bis zu 2.000 Uhren verließen täglich die Werkstätten. Sie in alle Welt zu verkaufen wurde bald zu einer Aufgabe, die kleine Familienbetriebe nicht mehr lösen konnten. Erste Großhändler betraten die Szene, manche davon sind ihrem Gewerbe bis heute treu geblieben. Die stetig steigende Nachfrage führte auch zu Änderungen der Fertigungsstrukturen. Einzelne, kleine Uhrmacher schlossen sich zusammen oder machten Karriere: Echte Uhrenfabriken entstanden. So wurde es möglich, dass im Laufe des Jahrhunderts nicht nur die Modelle im schöner und auch komplizierter wurden, sondern auch immer neue Verkaufsrekorde erreicht wurden. Bei Gründung des Deutschen Reiches 1871 lag die Tagesproduktion von Schwarzwalduhren bereits bei über 5.000 Stück, ca. 30 Jahre später hatte sie sich noch einmal mehr als verdreifacht.
    Auch in anderen Ländern versuchte man mittlerweile, am Erfolg der Schwarzwalduhren durch eigene Produktion teilzuhaben. An die Bedeutung des Originals kam man aber nicht heran: Mehr als die Hälfte aller international gehandelten Großuhren kamen am Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Schwarzwald.

    Das Siegermodell.

    In der Mitte des 19. Jahrhunderts war es soweit: Es entstanden die ersten Kuckucksuhren, die in Form und Funktion den Modellen ähnelten, wie wir sie heute kennen. Vorreiter war die sogenannte Bahnwärter- oder Bahnhäusleuhr. Ihre zunächst noch sehr schlichte Gestaltung machte sie zum Gewinner eines Wettbewerbs der Badischen Uhrmacherschule in Furtwangen. Damit begann ihr Siegeszug. Die einzelnen Modelle übertrafen einander schnell an Schnitzereien und Ausstattungen, den beliebten Kuckuck fand man bald nur noch bei ihr, selbst die Tannenzapfengewichte wurden für sie erfunden. Wer die heutigen Exemplare sieht, denkt vielleicht, sie hätten schon immer so ausgesehen, dabei gibt es sie so erst seit gut hundert Jahren.

    Ein Klischee mit Hintergrund.

    Heute ist die Kuckucksuhr nicht nur ein wichtiges Symbol für den Schwarzwald, sie wird im Ausland oft als typisch für ganz Deutschland betrachtet. Tatsächlich bietet sie ja vieles von dem, was man in anderen Ländern an Deutschland schätzt. Und das betrifft nicht nur die solide, gewissenhafte Handwerkskunst! Der Rhein ist romantisch? Kuckucksuhren sind es mindestens ebenso. Das Oktoberfest ist feuchtfröhlich und gesellig? Betrachten Sie einmal eine lebendige Biertrinker-Szene an einer hochwertigen Kuckucksuhr – da bekommen Sie schnell Durst. Nur mit der berühmten deutschen Wurst kann die Kuckucksuhr nicht mithalten, satt macht sie höchstens den Hersteller.
    Ob die ersten Schwarzwälder Uhrenbauer gedacht hätten, dass ihre Produkte einmal eine solche Bedeutung erlangen würden? Sicher nicht. Doch ihre Gewissenhaftigkeit und ihre Handwerkskunst hat sich bis in die heutige Zeit erhalten und damit die Grundlage für den weltweiten Erfolg der Kuckucksuhr gelegt.

    Wissenswertes.

    • Ein kleines Glossar wichtiger Begriffe rund um die Uhren aus dem Schwarzwald:
    • Bahnwärteruhr Erste Kuckucksuhr im heutigen Stil (auch: Bahnhäusleuhr).
    • Deutsches Uhrenmuseum Weltweit größtes Uhrenmuseum mit fast 9.000 Ausstellungsstücken (Furtwangen, seit 1852).
    • Deutsche Uhrenstraße Landschaftlich reizvolle Route mit vielen Museen und Uhrenfabriken.
    • Figurenuhr Kuckucksuhr mit beweglichen Teilen, oft in Tier- oder Menschengestalt.
    • Flöten- oder Musikuhr Kostbare, mit einer kleinen Orgel kombinierte Großuhr.
    • Funkuhr Im Schwarzwald von Junghans entwickelte funkgesteuerte Armbanduhr (1970).
    • Holzräderuhr Erste Schwarzwalduhr (frühes 17. Jahrhundert), 12-Stunden-Werk aus Holz.
    • Jockele Uhr Kleine Schwarzwalduhr (spätes 18. Jahrhundert).
    • Kuckucksuhr Inbegriff der Schwarzwalduhr.
    • Lackschilduhr Erste serienmäßige Kuckucksuhr (spätes 18. Jahrhundert).
    • Regulator Über viele Jahrzehnte unverzichtbar in deutschen Wohnzimmern (spätes 19. Jahrhundert).
    • Schwarzwälder Wecker Erster international erfolgreicher Wecker (19./20. Jahrhundert).
    • Sorg-Uhr Kleinste Schwarzwälder Wanduhr (frühes 19. Jahrhundert).